Alexander Roob
 
 
DIE INSTALLATIONS - FALLE
 
 
Materialien zu der Zeichenserie " Der Gesichtsverlust der Hamburger Kulturbehörde"
 
 
Die umfangreiche Zeichenserie , die vom Verfasser auf Einladung der Kulturbehörde Hamburg und des Foreign Office Shanghai im Herbst 2001 im Stadtraum Shanghai vor Ort verfertigt worden war, war unmittelbar im Anschluss an ihre Entstehung unter dem Titel " CS: Shanghai" in einer von der Kulturbehörde Hamburg organisierten und betreuten Gruppenausstellung im Shanghai Art Museum zu sehen. Diese trug den denkwürdigen Titel " Birnen, Bohnen und Speck " und zeigte dem Untertitel der Ausstellung zufolge " Arbeiten von 18 Dozenten der Hochschule für Bildende Künste Hamburg".
 
Nachdem Mitarbeiter des Museums sich bei der Hängung der Zeichnungen durch eine bizarr unregelmässige Anbringung von Stecknadellöchern verschiedenster Ausprägungen unwiderruflich in die Mehrzahl der Blätter eingeschrieben hatten , wurde die Serie zum Gegenstand einer dreijährigen juristischen Auseinandersetzung, in deren Verlauf sie durch zwei umfangreiche Bände Aktenmaterial verlängert wurde, generiert durch zwei Rechtsvertreter, drei Anwaltsparteien und fünf Hamburger Richter/innen.
Nach Beendigung des Prozesses hatte sich der Charakter der Serie substantiell und ideell gewandelt und es war klar, dass eine erneute Ausstellung der nun auch in der Auswahl abgeänderten Zeichenserie nur unter der Vorgabe einer Titeländerung erfolgen konnte.
 
Der neue Titel der Serie ergibt sich aus dem Ablauf der Ereignisse, die im Folgenden geschildert werden .

 
1 Das Vorspiel
 
 
Zu Ende des Jahres 2000 wurde der Verfasser, der damals an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg lehrte ,wie alle anderen Dozenten des Fachbereichs Freie Kunst ersucht, an einem vom damaligen Dekan Bogomir Ecker initiierten und von der Kulturbehörde im Rahmen eines städtepartnerschaftlichen Austauschs organisierten Ausstellung im Shanghai Art Museum teilzunehmen.
 
Um das damit verbundene Anliegen einer kulturellen Begegnung zu unterstützen, unterbreitete der Verfasser den Vorschlag, seine dort auszustellenden Arbeiten unmittelbar vor Ort zu erstellen, ein Vorschlag, der sowohl vom Shanghai Art Museum, als auch von den Hamburger Organisatoren sehr begrüsst wurde .
 
Man einigte sich darauf , dass die Kulturbehörde, um die Realisierung des Projektes zu ermöglichen, die Flugkosten übernahm und das Foreign Office Shanghai stellte eine Unterbringung in einem Hotel in Aussicht. Was die Präsentation der Zeichnungen betraf, so schlug der Verfasser die Verfertigung von zweckdienlichen Vitrinentischen vor. Wegen der Knappheit der finanziellen Mittel wurde dieser Vorschlag zuerst von der Kulturbehörde zurückgewiesen , das Shanghai Art Museum zog dann nach .
 
Um eine Realisierung nicht an den knappen finanziellen Ressourcen scheitern zu lassen erklärte sich der Verfasser dazu bereit, dass die Zeichnungen mit Stecknadeln gehängt werden können.
 
In einer ersten handschriftlichen Projektskizze vom 21.1.01 legte er dies schriftlich nieder , ebenso kalkulierte er ein bestimmte Menge von Zeichnungen, die er für die Ausstellung auswählen würde und zeigte die dafür benötiget Hängefläche an. Entgegen den Interpretationen der Hamburger Richter enthält diese Projektskizze keinerlei bindende Verpflichtung oder Zusage des Verfassers, die Zeichnungen im Museum selbst aufzubauen. Es heisst darin lediglich : " das entstandene Material - alles Din A5 Zeichnungen - würden danach ( d.i. nach dem Zeichnen) ausgewählt ( ..) und schlussendlich mit Stecknadeln im Ausstellungsraum montiert."
 
Claus Friede, der von der Kulturbehörde zur Einrichtung und Organisation der Ausstellung beauftragte Kurator, der für sich in Anspruch nahm in puncto Kulturaustausch mit asiatischen Ländern besonders erfahren zu sein ,stellte dem Verfasser in einem der Vorgespräche in Aussicht, dass sich in Hinsicht auf die Verfertigung von Vitrinentischen wahrscheinlich vor Ort noch etwas machen liesse.
 
Gleich nach der Ankunft in Shanghai stellte sich heraus, dass der Verfasser nicht in dem vorgesehenen Hotel untergebracht wurde, sondern in einem Gästehaus der Shanghai Art University, und dass diese Unterbringung ganz konkret mit der Erwartung einer Gegenleistung in der Form von Abhaltung von Seminaren verbunden war. Der Verfasser erklärte sich trotz der Verständigungsschwierigkeiten mit den Studenten dazu bereit und unterhielt zu der Shanghaier Kunsthochschule beste Beziehungen bis zu dem Zeitpunkt , als wegen des Eklats mit der Shanghai Art Museum abrupt alle Kontakte zu ihm abgebrochen wurden.
 
Gegen Ende der vierwöchigen Zeichenarbeiten im Stadtraum Shanghai wurde dem Verfasser durch eine museumspädagogische Mitarbeiterin des Shanghai Art Museums, die er unterdessen kennen gelernt hatte, erneut Hoffnung gemacht, dass eine Verfertigung von Vitrinentischen vielleicht doch noch möglich sei. Sie berichtete über das Vorhandensein einer grossen museumseigenen Schreinerei, die in der Lage sei innerhalb kürzester Zeit aufwendigste Einbauten zu verfertigen. Bei einer Vorbesichtigung der Museumsräume stellte sich ausserdem heraus, dass die von Friede zur Präsentation der Zeichnungsserie vorgesehene Wand wegen Unterbrechungen durch elektrotechnische Installationen völlig ungeeignet war. Nachdem der Verfasser diesen Umstand dem noch in Hamburg weilenden Kurator mitgeteilt hatte vereinbarte dieser für ihn einen Termin mit den Zuständigen des Museums.. In einem Fax vom 10.10.01 teilte er dem Verfasser u.a. mit : " .. Ich denke man sollte nichts unversucht lassen die Tische zu bekommen . Bogo ( gemeint ist Bogomir Ecker ) und mir ist es auch wichtig, dass die Arbeiten in einem vertretbaren Rahmen gezeigt werden."

 
2 Der Hauptteil
 
 
Bei diesem Treffen, bei dem neben dem Direktor des Museums auch der technische Leiter sowie eine als Übersetzerin ins Englische fungierende Sekretärin anwesend war, wurde sogleich die Realisierung von Vitrinentische kategorisch ausgeschlossen. Ebenfalls wurde ein vom Verfasser vorgeschlagener Vorbau der durch Elektroleitungen unterbrochene Museumswand als zu aufwendig abgelehnt. Stattdessen wurde ihm eine lange Wand auf einer Zwischenetage angeboten, die für Besucher der Ausstellung leicht zugänglich war. Allerdings müssten die Arbeiten an dieser Wand eine Woche früher abgebaut werden als der Rest der Ausstellung, hiess es . Der Verfasser war mit dieser Lösung einverstanden, allerdings unter dem Vorbehalt , dass es von Seiten der Hamburger Organisatoren keine Einwände gäbe.
 
Der Gesprächsverlauf nahm sodann eine unerwartete Wendung durch die für den Verfasser völlig überraschende Frage, wie er sich denn die Aufhängung seiner Zeichnungen vorstelle, war doch die Hängung der Zeichnungsserie mit Stecknadeln dem Museum frühzeitig kommuniziert worden. Da der Bau von Vitrinentischen ja ausgeschlossen sei, gab er zur Antwort, müsse er wohl oder übel wie angekündigt auf die Stecknadellösung zurückgreifen .
 
Dies käme nicht in Frage, entgegnete man sodann, da durch die Stecknadeleinstiche die Museumswand verletzt werde. Stattdessen empfahl der technische Leiter eine Anbringung der Zeichnungen mit Knetgummi und demonstrierte diese vorgeschlagene Art der Hängung sogleich mit einem Blatt Papier und einem Probestück grünlichen Gummis. Dabei gab man dem Verfasser zu verstehen, dass er für die Beschaffung dieser Knetgummis selbst zu sorgen habe, da sie in Deutschland produziert würden und dort preiswerter seien als in China. Der Verfasser musste diese Hängemethode allerdings zurückweisen, da sie Eindellungen in den Blätten zur Folge haben und auf die Dauer zu öligen Rückständen führen.
 
Nachdem sich die Vertreter des Shanghai Art Museums dieser Argumentation nicht widersetzen konnten , willigten sie schliesslich in die Stecknadellösung ein, allerdings - und dies wurde dem Verfasser ganz unmissverständlich als eine Bestrafungsmassnahme für seine Ablehnung des Knetgummivorschlags unterbreitet -müsse er dann ganz alleine die Aufhängung der vielblättrigen Zeichnungsserie besorgen und könne dabei nicht auf die Mithilfe des Museums zählen, da man mit anderen Arbeiten beschäftigt sei. Bei einer Knetgummilösung hingegen wäre das Museum bereit gewesen, die Hängung zu übernehmen. Auf seine Einwände, dass eine Knetgummihängung zeitaufwendiger sei, als eine Stecknadelhängung und dass er auf jeden Fall auf Mithilfe bei der Aufhängung seiner Arbeiten angewiesen sei, wurde ihm sehr barsch mitgeteilt, dass er, wenn er Mitarbeiter brauche, sich darum gefälligst selbst kümmern solle. Vielleicht könne er Studenten dazu bewegen, fügte man ergänzend hinzu . Weitere Einwände konnte er nicht vorbringen, da ihm beschieden wurde , dass das Gespräch nun beendet sei und er alles weitere mit den Hamburger Organisatoren abklären solle.
 
Für den Verfasser bedeutete dieser Gesprächsverlauf eine äusserste Übung in Selbstbeherrschung. Hatte ihn doch die Museumspädagogin in gewisser Weise vorgewarnt. In weiser Voraussicht und offenbar in Kenntnis des für westliche Sensorien als schiere Impertinenz erlebten Verhaltens chinesischer Behördenvertreter hatte sie ihn im Vorfeld gebeten bei allem was da kommen möge immer gelassen und freundlich zu bleiben. Er hatte dies beherzigt und sich mit freundlicher Mine von seinen chinesischen Gesprächspartnern verabschiedet. Beim Verlassen des Museums war er sich jedoch bereits im klaren darüber das er diesen Ort der Demütigung und Massregelung nicht mehr betreten würde.
 
Wie ihm von chinesischer Seite angeraten, suchte er daraufhin den Kontakt zu den Hamburger Organisatoren und beschrieb in einem an den Kurator Friede gerichteten zweiseitigen Fax vom 9.10.01 den Gesprächsverlauf in aller Ausführlichkeit. Das Fazit des Schreiben lautete wörtlich : " Für mich ist die Ausstellung im Shanghai Art Museum gestorben. Definitiv." Der Verfasser teilte in gleichem Schreiben mit, dass er sich stattdessen überlege, auf eine Ausstellungsangebot der Shanghai University einzugehen , die schliesslich sein Gastgeber in Shanghai sei und die ganz im Gegensatz zu dem unerträglichenVerhaltens des Shanghai Art Museum bereit sei seine Arbeit zu unterstützen .
 
Die Ereignisse überstürzten sich daraufhin. Am 18.10.01 wurde er mit Faxen aus drei verschieden Richtungen bombardiert, die ihn in der Form einer konzertierten Aktion dazu nötigen sollten, seine Entscheidung zu revidieren. Ein Herr Clapham , Verantwortlicher der Kulturbehörde Hamburg für internationalen Kulturaustausch und Vorgesetzter des Kurators Friede meldete sich wie folgt zu Wort : "Wir möchten sie eindringlich bitten, ihren geplanten Beitrag zur Ausstellung `Birnen, Bohnen und Speck` im Shanghai Art Museum wie vorgesehen zu leisten und alle weiterreichenden Entscheidungen mit Claus Friede und Bogomir Ecker abzusprechen, die am Montag in Shanghai sein werden." Weiterhin appellierte er an die Dankbarkeit des Verfassers gegenüber der chinesischen Seite. " Wie ich hörte hat man Ihnen sogar die Gelegenheit gegeben, eine Lehrtätigkeit auszuüben und Kontakt zu Studenten aufzubauen."
 
Mit einem Appell an die " Kollegialität" meldete sich Dekan Ecker zu Wort und gab zu verstehen, dass er die Entscheidung des Verfassers, an der Ausstellung nicht teilzunehmen " unter den gegebenen Umständen nicht akzeptieren will." Das Foreign Office Shanghai war mittlerweile von der University Shanghai von dem Vorfall unterrichtet worden und die Ablehnung des Verfassers bzw. seine Kritik am Verhalten des Museums damit ruchbar geworden, was einen Gesichtsverlust für die verantwortlichen Personen dort bedeutete. Der Kurator der Kulturbehörde Friede war sich der damit entstandene Problematik bewusst. Vom Foreign Office erhielt der Verfasser ebenfalls ein Schreiben mit der dringenden Bitte um Ausstellunsgsteilnahme.
 
Der Verfasser gab dem massiven Druck nach und teilte noch am gleichen Tag , am 18.10.01 der in der Kulturbehörde verantwortlichen Person Clapham schriftlich per Fax mit, dass er " um weitere Eskalationen zu vermeiden" bereit sei "Bogomir Ecker und Claus Friede eine Auswahl meiner Arbeiten für ein zu definierendes Raummass auszuhändigen. Ich selbst möchte dieses Art Museum nicht mehr betreten, noch eine weitere Begegnung mit den betreffenden Personen. Es sei denn man entschuldigt sich bei mir."
 
Nach dieser Zusage die Arbeiten auszuhändigen - ein Entgegenkommen, das sich im Verlaufe der Entwicklung als überaus verhängnisvoll erweisen sollte - verliefen zwei Zusammentreffen mit Ecker und Friede, die mittlerweile in Shanghai angekommen waren in entspannter Atmosphäre. Sie begrüssten den Vorschlag des Museums , mit der Präsentation der Zeichnungsserie in einen Zwischenstock auszuweichen da dies eine willkommene Entlastung der überfüllten Ausstellungsräumlichkeiten böte.. In einem zweiten Treffen berichteten die beiden beiläufig von ihrer Unterredung mit dem Direkor des Museums. Da daraus hervorging, dass mit einer Entschuldigung des Museums mehr zu rechnen sei , war klar, dass der Verfasser bei der Hängung der Zeichnungsserie nicht anwesend sein würde. Die Hängung, so erklärten die beiden im Verbund, werde enweder von ihnen selbst oder von einer bezahlten externen Kraft besorgt werden " soviel Geld ( um eine solche Kraft zu bezahlen) müsse schliesslich noch drin sein." erklärten die beiden. Über die Möglichkeit, dass die Arbeiten von Mitarbeitern des Museums gehängt werden könnten wurde nicht gesprochen, da daran überhaupt nicht zu denken war , hatte sich das Museum doch kategorisch geweigert , eine Hilfestellung zu leisten. Zudem war es durch den über die Shanghai University publik gewordenen Eklat brüskiert worden, was auch die beiden Organisatoren klar war.
 
Der Verfasser verabredete sich mit dem Kurator für den nachfolgenden Morgen und überreichte ihm seine auf das genaue Wandmass vorsortierten Zeichnungsserie, samt einem exakten Hängeplan, sowie einer mündlich vorgetragenen Anweisung , wie die Blätter befestigt werden sollten, nämlich mit je zwei pro Blatt gesetzten Nadeln, die in gleichen minimalen Randabständen platziert werden. Der Kurator überprüfte den Zustand der Zeichnungen und akzeptierte ihn.
 
Daraufhin verliess der Verfasser Shanghai, das nach dem abrupten Abbruch aller Kontakte von der chinesischen Seite für ihn zu einem Ort unerträglicher Spannung geworden war.

 
3 Das Nachspiel
 
 
Ende Januar des Jahres 2002 erhielt der Verfasser seine Arbeiten in einer Schachtel von Kurator Friede persönlich in Hamburg übergeben und ein Schreiben, in dem ihm für seine Beteiligung an der Ausstellung gedankt wurde , die , so hiess es darin " mit knapp 15 000 Besuchern eine der erfolgreichsten Präsentationen des Museums überhaupt" gewesen sei.
 
Nach einer späteren genauen Inspektion der Zeichnungen musste der Verfasser feststellen dass bis auf wenige obenan liegende Seiten " nahezu alle Blätter ganz wahllos und ohne auch nur im geringsten die Vorgabe gleicher Randabstände zu beachten, völlig unansehnlich durchbohrt worden sind. Manche Blätter sogar mehrfach. Auf der einen Seite meist mit ca. 2 mm Abstand, auf der anderen Seite ist die Nadel meist über 1 cm ins Blatt gerückt. Manchmal sind sogar richtig fette Löcher eingerissen. Bei einigen sind die Löcher dermassen knapp am Rand, dass der Rand ausgerissen ist, bei einigen Blättern befinden sich auf den Rückseiten Knetgummireste." Auf diese Schadensmeldung, die der Verfasser dem Kurator Friede am 12.3.02 mailte erhielt er am 17. 3. von diesem zur Antwort, dass er " ebenso erschrocken" sei. " Zu der Zeit während ich beim Hängen dabei war ist keinerlei Knetgummi oder ähnliches verwendet worden. Auch die Vorgaben habe ich weitergegeben, denn die ersten Arbeiten haben wir , Pia ; Egbert, Bogo ( d .i. Pia Stadtbäumer, Egbert Haneke und Bogomir Ecker ) und ich gehängt, bis dann vom Museum die beiden Mitarbeiter weitermachten ( .. ) Ich habe allein schon deshalb, weil es zu Spannungen mit dem Museum gekommen war gebeten, mit äußerster Vorsicht vorzugehen. Ich werde mich mit Herrn Clapham von der Kulturbehörde beraten."
 
Das war des letzte Mal , dass der Verfasser etwas von den Herren Clapham, Friede und Ecker hörte.
 
Mehrere seiner Mails an die Kulturbehörde , in denen er den Schaden genauer spezifizierte blieben unbeantwortete, bis sich nach der Stellung eines Ultimatums Ende Juni eine Mitarbeiterin der Rechtsabteilung der Kulturbehörde meldete mit einem ersten Versuch der Kulturbehörde , sich aus der Affäre zu ziehen. Man sei er Ansicht, hiess es in dem Schreiben, dass die Schäden an den Zeichnungen beim Abhängen entstanden sein müssten. "Hierfür kann die Kulturbehörde aber deswegen nicht verantwortlich gemacht werden, weil das Abhängen, wie Sie wussten, nicht von Herrn Friede beaufsichtigt werden konnte. Ihre Zeichnungen mussten vorzeitig abgenommen werden, da Sie einen Ausstellungsort im Museum gewünscht hatten, der ausserhalb des Stockwerks lag, das für die Hamburger Ausstellung vorgesehen war. ( .. ) Sie verzichteten also anders als alle anderen beteiligten Künstler auf die Assistenz der Kulturbehörde. (... )Sie hat für die Organisation von Auf- und Abbau extra ihren Kurator vor Ort geschickt , damit er die erforderlichen Aufsichtsfunktionen wahrnehmen kann. Damit hat sie alle gebotenen Sorgfaltspflichten im Verhältnis zu allen Künstlern, die an der Ausstellung teilgenommen haben, erfüllt. Sie hingegen haben mit der Durchsetzung Ihrer Extrawünsche, nämlich der Hängung an einem nicht vorgesehenen Ort verhindert, dass Herr Friede diese Funktion auch hinsichtlich Ihrer Kunstwerke wahrnehmen konnte."
 
Die Argumentation ist insofern völlig absurd, als dass sie sich in keinster Weise mit dem Schadensbericht, der in erster Linie von der Unregelmässigkeit von Einstichlöchern sprach , zur Deckung bringen lässt. Sie wurde daher in der Folge der Auseinandersetzung auch fallen gelassen. Interessant bleiben diese Ausführungen insofern, als dass sie offenbaren, dass die Kulturbehörde selbst von Anfang an 1 ) eine organisatorische Verantwortlichkeit für die Ausstellung einräumte und 2) eine Sorgfaltspflicht " im Verhältnis zu allen Künstlern" für die Zeit der Aufhängung der Arbeiten.
 
In der ersten Instanz des nachfolgenden Rechtsstreits wurde von der Hamburger Justiz ersterer Punkt bestritten, in der zweiten Instanz wurde letzterer Punkt bestritten. Die Hartnäckigkeit und der Erfindungsreichtum, mit der von einer Vielzahl Hamburger Rechtsvertreter die Verantwortlichkeiten der städtischen Kulturbehörde bestritten wurde, wirft ein sehr spezifische Licht auf die Motivik dieser Stadtstaatjustiz.
 
Durch die Nachfragen eines Rechtsanwalts, den sich der Verfasser nun zur Wahrung seiner Interessen einzuschalten gezwungen sah, wurde schnell evident, dass seine Arbeiten für den Zeitraum der von riesigen Besucherströmer heimgesuchten Ausstellung überhaupt nicht versichert waren, auch wurde offenbar, dass sie nach der Ausstellung undeklariert und versteckt in einer Kiste mit den Arbeiten von Dekan Ecker , die selbstverständlich versichert und deklariert waren, ausser Landes geschafft wurden . Versicherungstechnisch waren sie für den Zeitraum der mehrwöchigen Verschiffung praktisch überhaupt nicht existent. In einem Verlustfall hätte der Verfasser somit keinerlei Kompensation erwarten können. Soviel zu dieser von ihr selbst eingeräumten kuratorischen Sorgfaltspflicht der Kulturbehörde Hamburg.
 
Für die erste mit dem Fall befasste Richterin war klar, dass die Kulturbehörde Hamburg nach der Weigerung des Verfassers an der Ausstellung teilzunehmen, ihrem darauffolgenden Insistieren und der anschliessenden Übergabe an den Kurator der Kulturbehörde auch die Verantwortung für die ordentliche Hängung dieser Arbeiten übernommen hatte. In einem Protokoll vom 22.04.03 schreibt diese Richterin : " Zu dem Rechtsverhältnis zwischen dem Kläger und der Beklagten ist bisher nicht ausreichend vorgetragen worden . ( Herr Friede war zu der Verhandlung nicht erschienen. Zu den weiteren Verhandlungen wurde er gar nicht mehr geladen. ) Die Kammer weist allerdings darauf hin, dass es auf die ursprüngliche Ausgestaltung der Rechtsbeziehungen möglicherweise dann nicht darauf ankommt, wenn jedenfalls im Oktober 2001 eine Pflicht des Beklagten ( d.i. die Kulturbehörde ) übernommen worden ist, die Zeichnungen aufzuhängen. Dabei kommt es nach Ansicht der Kammer nicht darauf an, ob der Kläger ursprünglich dafür selbst Sorge hätte tragen müssen. Wenn das Aufhängen von der Beklagten übernommen worden ist, so muss dies dann auch mit der erforderlichen Sorgfalt durchgeführt werden.". Im gleichen Verhandlungsprotokoll schlug die Richterin eine Schadenersatzsumme vor, die auch Restaurierungskosten beinhalteten und beraumte einen Termin zur Urteilsverkündigung an.
 
Zu dieser geplanten Urteilsverkündigung kam es allerdings nicht mehr , da die besagte Richterin aus Gründen, die dem Verfasser im einzelnen nicht bekannt sind, versetzt wurde.
 
Die neue Richterin liess an der Tendenz ihrer Rechtssprechung von Anfang an keinen Zweifel aufkommen. Ihr sei es, schrieb sie am 9.3.04 nicht klar, ob die Kulturbehörde überhaupt der verantwortliche Veranstalter der Ausstellung gewesen sei. Zwar habe die Kulturbehörde gewisse Organisationsaufgaben übernommen. " das macht sie aber noch nicht zum Vertragspartner des Klägers." Von einer Kontinuität der Rechtssprechung konnte damit keine Rede mehr sein. Die Idee der neuen Richterin, die Verantwortlichkeiten zu diffundieren und in Nebel zu hüllen und neben dem Shanghai Art Museum auch noch die Hochschule für Bildende Künste mit ins Boot zu holen wurde von letzterer in einem Schreiben ihres Verwaltungschefs brüsk zurückgewiesen und torpediert mit dem Verweis auf die Anerkennung eines anderen Schadensfalls in der gleichen Ausstellung durch die Versicherung der Kulturbehörde.
 
Obgleich mittlerweile alle Details des Falles minutiös in den Akten schriftlich festgehalten waren, wurde der Verfasser erneut von der Hamburger Justiz geladen mehrere hundert Kilometer nach Hamburg zurückzulegen und von der Richterin in ein mehrstündiges Verhör genommen. Die Hamburger Gegenparteien waren wieder nur durch ihre Anwälte vertreten.
 
Das Resultat dieser zweiten Etappe eines Hamburger Justizrouletts war ein Urteil vom 2.7.04, das sich in der Begründung als völlig unhaltbar erwies, da es trotz des von der Kunsthochschule vorgelegten Beweises und entgegen den eigenen Annahmen der Kulturbehörde und ihres Kurators Friede davon ausging dass die Veranstalterrolle der Hamburger Kulturbehörde nicht erwiesen sei Die Klage des Verfassers wurde deshalb abgewiesen .
 
Die Urteilsbegründung dieser ersten Instanz wurde von den Richtern des Revisionsverfahrens Timmermann , Klußmann und Stephani sogleich zurechtgerückt. In ihrem abschliessenden Urteil schreiben die drei Hamburger Richter , sie gingen von der Annahme aus " dass zwischen den Parteien ein Vertrag zustande gekommen ist, wonach sich der Kläger verpflichtet, sein ,Zeichenprojekt Shanghai zu realisieren sowie die dabei entstandenen Werke im Rahmen einer von der Beklagten mit veranstaltenden Ausstellung im Shanghai Art Museum zu präsentieren und die Beklaget sich verpflichtete, den Kläger (..) in gewissem Umfang finanziell und organisatorisch zu unterstützen.".
 
Diese Frage nach der Veranstalterrolle sei aber eigentlich irrelevant, heisst es in der Urteilsbegründung der drei Hamburger Richter weiter, da der Verfasser ein vertragliche Verpflichtung gehabt habe, seine Zeichnungen selbst aufzubauen. Woraus das Hamburger Richtertrio diese besondere Verpflichtung des Verfassers im Gegensatz zu allen andern 17 Dozenten der Hamburger Hochschule ( die allerwenigsten von ihnen waren beim Aufbau der Ausstellung dabei ) ableiten , die Antwort auf diese Kernfrage bleibt die konfuse und löchrige Urteilsbegründung letzten Endes schuldig.
 
Aus der anfänglichen Projektskizze des Verfassers, auf die die Richter anspielen, lässt sich eine solche Verpflichtung jedenfalls nicht ableiten. Darin ist ,wie bereits erwähnt, nur allgemein davon die Rede , dass die Zeichnungen mit Stecknadeln gehängt werden. Die Frage, von wem die Zeichnungen gehängt werden , bleibt dort unberührt. Wie jedoch vom Rechtsanwalt des Verfassers und von ihm selbst betont worden war, ist es internationaler Standart, dass die Hängung vom Museumspersonal übernommen wird.
 
Es sei " dem Kläger zuzumuten gewesen" heisst es in dem Urteil, " seinen Unmut über das als kränkend empfundene Verhalten seiner chinesischen Verhandlungspartner unter der Berücksichtigung der Schwierigkeiten einer Kommunikation mit Vertretern anderer Kulturkreise zurückzustellen und sein Projekt wie geplant fortzusetzen. Nach alledem war es daher nicht etwa so, dass der Kläger der Beklagten einen Gefallen tat, indem er dem Nebenintervenienten ( Kurator Friede ) seine Zeichnungen überliess, damit sie in der Ausstellung präsentiert werden konnten. Vielmehr erfüllte der Kläger hierdurch nur seine vertraglichen Verpflichtungen, während der Nebenintervenient gegenüber dem Kläger ein nicht geschuldetes Entgegenkommen zeigte, indem er sich an dessen Stelle um das Aufhängen der Zeichnungen kümmerte."
 
Der besondere Clou dieser Urteilsbegründung gegenüber den Kapriolen der ersten Instanz liegt in der Einbringung des Begriffs der " Installation". In der Hamburger Kunstzeitschrift " Art" hätten sie gelesen, so schreiben die drei Richter, dass der Verfasser seine Bildzyklen selbst als Installationen bezeichne. Und bei einer Installation, so geht die haarsträubende Argumenation weiter, " ist es nicht unüblich, dass der Künstler den Aufbau in den Ausstellungsräumen selbst übernimmt oder zumindest eigenverantwortlich überwacht und leitet. Anhaltspunkt dafür , dass es sich bei der in Rede stehenden Installation anders verhalten haben könnet, sind nicht ersichtlich."
 
Worin sich nun die betreffende Zeichnungsserie, die in einer simplen , vom Verfasser vorher bestimmen Folge in einer geradlinigen Doppelreihe zu hängen war , von der Kategorie Tafelbild, deren Hängung in den Aufgabenbereich von Ausstellungsveranstaltern gehört, unterscheidet, dafür hat das Richtertrio folgende Antwort parat " Jedenfalls ging es in dem vorliegenden Fall nicht einfach darum, ein gerahmtes Bild an einen Nagel zu hängen. Vielmehr galt es, hunderte von Zeichnungen mit Hilfe von Stecknadeln in einer bestimmten Sequenz an einer Wand zu befestigen. Abgesehen davon dass ein Unterschied zu dem von Klägerseite herangezogenen Beispiel ( das klassische Tafelbild) in dem wesentlich grösseren Aufwand besteht, der mit einer solchen Montage verbunden ist, erschöpfte sich die letztgenannte Tätigkeit nicht in einem technischen Vorgang: Vielmehr wohnte ihr nach der vom Kläger entwickelten Konzeption ein künstlerisches Element inne."
 
Das nebulöse " künstlerische Element" mit dem die Richter in dieser völlig abstrusen Argumentation umgehen, betrifft die Auswahl und die Bestimmung der Reihenfolge der Zeichnungen, die bereits vor der Übergabe der Zeichnungen an den Kurator erfolgt sind. Danach war die Hängung nach genauer Planvorgabe tatsächlich nur noch ein technischer Vorgang . Von dem Kurator der Kulturbehörde wurde diese Tatsache auch nie bestritten.
 
Die Richter leiten die Verwendung des Begriffes " Installation" im Zusammenhang mit den Zeichnungsserien des Verfassers aus der Lektüre eines Artikels in einer zum Zeitpunkt der Realisierung des Shanghaier Projekts schon zwei Jahre zurückliegenden Ausgabe der Hamburger Zeitschrift " Art" ab , in der es um die spezielle Konzeption eines Bildromans ging. Es handelte sich dabei um einen Werkabschnitt , die der Verfasser schon damals, wie aus dem Artikel genau hervorgeht, als beendet betrachtete. Die damit verbundene Präsentation wurde darin als ein " Netzwerk horizontaler und vertikaler Leitungen" beschrieben, die sich an den Ausstellungswänden verästeln.
 
Diese hypertextartige Präsentationsform hatte tatsächlich den Charakter einer stromkreisartigen Installation. Die Shanghaier Hängung hatte damit allerdings nicht das geringste zu tun. Der Unterschied zwischen beiden Hängungsformen war selbst für Laien ganz klar aus einem Vergleich zwischen den Beschreibungen und den Abbildungen des Artikels mit den Beschreibungen der Zeugenaussagen und vor allem mit einer von der Beklagtenpartei als Beweismittel vorgelegten Fotoaufnahmen von der Shanghaier Hängung abzulesen . Der Urteilsspruch basiert also ganz eindeutig im zentralen Punkt der Argumentation auf einer eklatanten Fehlinterpretation von Beweismitteln.
 
Aber selbst wenn es sich bei der Zeichnungsserie des Verfassers um eine montageartige Installation gehandelt hätte, deren Aufhängung über einen rein technischen Vorgang hinausgegangen wäre, was ganz eindeutig nicht der Fall war, dann stellt sich doch zwingend die Frage, warum die Kulturbehörde, nachdem der Verfasser sie frühzeitig in schriftlicher Form davon in Kenntnis gesetzt hatte, dass er der Ausstellung fern bleiben und seine Arbeiten dem zuständigen Kurator aushändigen werde, keinen Einspruch eingelegt hat und warum der Kurator der Kulturbehörde diese Arbeiten, deren Aufhängung angeblich ein eigenständig künstlerisches Element innewohnt , überhaupt angenommen hat.
 
Auch die Antworten auf diese Frage bleibt das Urteil der Hamburger Berufungsinstanz schuldig.
 

 
4 Die Auswirkung
 
 
Die Auswirkungen dieses skandalösen Fehlurteils gehen weit über die spezifischen Komplikationen des vorliegenden Falls hinaus. Folgt man diesem falsch verstandenen Begriff von " Installation" der Hamburger Richter und dem haarsträubenden Schluss, den sie daraus ziehen, dann gerät die grosse Mehrzahl der aktuell arbeitenden Künstler ,was den Ausstellungsaufbau und die museale Präsentation betrifft, gegenüber den Veranstaltern in eine Art rechtsfreien Raum.
 
Von weit reichender Konsequenz ist auch die hier vorgenommene juristische Dehnung des Begriffs der Installation in eine rein quantitative Norm hinein. Denn Installation ist nach ihrem Dafürhalten irgendwie alles " was in einem grösseren Aufwand besteht", also mehr Mühe erfordert, als " ein gerahmtes Bild auf einen Nagel zu hängen" ( also z.b. viele Bilder ) und ist dann auch automatisch verbunden mit einer Verlagerung der Verantwortlichkeit aus den Händen der Veranstalter in die Hände der Künstler hinein.
 
Die übergreifende Relevanz dieses Urteils ist von dem Richtertrio bestritten worden, in dem sie jede weitere Revision ausgeschlossen haben. Das Urteil verbleibt damit ohne Aussicht auf die Prüfung durch eine weitere, externe Instanz in dem Zirkel einer Stadtstaatjustiz, deren oberstes Anliegen es zu sein scheint, die notleidende Stadtkasse , die sie selbst ernährt , vor weiteren Beeinträchtigungen zu bewahren und sie stellt dieses Ziel nach dem Eindruck des Verfassers über jegliche konsistente und argumentativ nachvollziehbare Urteilsfindung.
 
Es sieht ganz so aus, als sei die Justiz der Stadt Hamburg auf dem besten Weg, fiskalischen Interessen oberste Priorität einzuräumen.